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22 Nov 2011

Maßnahmen gegen Plagiate

Das Internet, die drahtlose Kommunikation und Handykameras haben das Abschreiben an Schulen und Unis erheblich erleichtert. Die Lehrer reagieren darauf mit immer raffinierteren Technologien, doch Experten glauben, dass die Förderung des Problembewusstseins langfristig die bessere Lösung ist.

Kaugummi verboten! Das Kauen könnte ja verbergen, dass die überwachte Person gerade mit einem Komplizen außerhalb des Gebäudes telefoniert. Der Computer ist in die Tischoberfläche eingelassen. Versucht der Verdächtige, den Bildschirm abzufotographieren und das Foto per Handy zu versenden, kann dies leicht erkannt werden. Sobald die Aufsichtsperson etwas Auffälliges bemerkt, zeichnet sie die Computeraktivitäten des Verdächtigen auf und richtet die Deckenkamera auf ihn. Beide Aufzeichnungen werden als Beweismittel gesichert.

Das ist keine Szene aus einem CIA-Verhörraum, sondern aus einer Versuchseinrichtung der Universität Central Florida. Um die zunehmenden Schummeleien der Prüflinge in den Griff zu bekommen, greifen viele Schulen in den USA zu drastischen Maßnahmen.

Festigung des Lehrer-Schüler-Verhältnisses

Eine radikale Überwachung sei langfristig nicht unbedingt die beste Strategie, findet Dr. Teresa Fishman, Leiterin des International Center for Academic Integrity an der Clemson-Universität in South Carolina (USA): „Dadurch bildet sich leicht ein feindseliges Verhältnis zwischen Studierenden und Lehrern heraus. Viel besser ist es, ein Verhältnis zu fördern, in dem beide Seiten als Lernpartner agieren.“

Universitäten, die auf technische Lösungen gegen Plagiate setzen, merken rasch, dass ihnen die Studenten immer einen Schritt voraus sind. „Bei jeder neuen Maßnahme finden die Studenten einen Weg, diese zu umgehen.“

Aber die Lehrer stehen unter Handlungszwang, denn Studien belegen, dass die Schummelei an Schulen und Universitäten immer mehr zunimmt. Vor einigen Monaten befragte das Josephson Institute of Ethics 43.000 Oberschüler in den USA und kam zu dem Schluss: „Der Betrug an Schulen geht ungehindert weiter.“ Eine Mehrzahl der Befragten (59 Prozent) gab an, bei einer Prüfung im zurückliegenden Jahr abgeschrieben zu haben. 34 Prozent hatten sogar mehr als zweimal betrogen. Einer von drei gab zu, bei Hausaufgaben einfach Texte aus dem Internet zu kopieren.

Dieses Problem ist nicht auf US-amerikanische Schulen begrenzt. Wo moderne Technologie zur Verfügung steht, wird sie auch missbraucht. Von dieser Tendenz sind selbst ehrwürdige Institutionen wie die Oxford-Universität nicht ausgenommen. Die Prüfungsverantwortlichen der britischen Universität, Nick Bamforth und Colin Thompson, berichteten der Tageszeitung „The Telegraph“ von Studenten, die komplette Passagen aus dem Internet und aus den Arbeiten ihrer Kommilitonen kopiert hatten.

Ein aktueller Bericht nennt 17.000 Plagiatsfälle, die von 80 britischen Universitäten im letzten Jahr erfasst hatten – ein Anstieg von 50 Prozent innerhalb von vier Jahren. Mehrere tausend Studenten wurden dabei erwischt, wie sie Texte kopierten, Dozenten bestachen und online Aufsätze kauften.

Zunahme wissenschaftlichen Fehlverhaltens?

Das Plagiieren wird weltweit als wachsendes Problem wahrgenommen, doch Fishman glaubt nicht, dass heute mehr Studenten abschreiben als früher. Wir hätten nur ein stärkeres Bewusstsein für dieses Problem entwickelt: „Das ist genauso wie bei Geschwindigkeitskontrollen. Wenn es mehr Kontrollen gibt, werden auch mehr Leute geblitzt. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass es auch mehr Temposünder gibt“, sagt sie. „Ich glaube nicht, dass heute mehr betrogen wird als früher – aber wir können die Schummeleien besser aufspüren.“

Es gibt technische Mittel gegen Plagiate, aber Fishman empfiehlt andere Wege. „Die beste Möglichkeit besteht darin, das Problembewusstsein zu fördern und die Studierenden zu eigenständigem Lernen anzuleiten. Die Studenten sind nicht bloß an der Uni, um einen Abschluss zu machen. Wer zu dieser Erkenntnis gekommen ist, wird weniger anfällig für Betrugsversuche.“

Die Aufgabe der Lehrer und Dozenten hätte sich gewandelt, doch die organisatorische Ausrichtung der Bildungseinrichtungen sei noch nicht an die Anforderungen des 21. Jahrhunderts angepasst, glaubt Fishman.

„Früher sind die Studenten zur Uni gegangen, weil dort das Wissen in Form von Büchern und Lehrern vorhanden war. Aber heute sind Informationen überall verfügbar. Dozenten und Lehrer sollen den Schülern vermitteln, wie man sich Wissen aneignet und woran man gutes Wissen erkennt. Ein Lehrer muss mehr tun, als seinen Schülern Aufgaben zu geben, die kein eigenes Nachdenken erfordern, weil sie sich mit einer Google-Suche lösen lassen.“

Technische Mittel gegen Plagiate

Selbst Firmen, die ihr Geld mit der Entwicklung von Programmen zur Plagiatserkennung verdienen, geben zu, dass vorbeugende Maßnahmen oft vorzuziehen sind.

„Urkund“ ist eine Software zum Aufdecken von Betrugsversuchen. Sie wurde vom schwedischen Unternehmen PrioInfo entwickelt und wird weltweit eingesetzt. „Wir möchten unser Programm in erster Linie als Werkzeug zum Aufspüren von Plagiaten verstanden wissen“, erklärt Produktmanager Peter Witasp.

Das System beherrscht die wichtigsten Weltsprachen. Es prüft 10.000 Texte pro Tag, gleicht sie mit einer Vielzahl von Print- und Onlinequellen ab und findet Ähnlichkeiten zwischen den eingereichten Arbeiten und bereits veröffentlichten Texten.

Für Witasp ist eine möglichst frühzeitige Plagiatserkennung wichtig: „Wenn wir Schummler enttarnen, tun wir ihnen langfristig sogar einen Gefallen.“

Bei Prüfungen und im e-Learning stellt sich ein weiteres Problem: Wer garantiert, dass die Aufgaben von den Studierenden selbst gelöst werden? Heute verlangen die meisten Universitäten von den Prüfungsteilnehmern die Vorlage des Studentenausweises. Größere Unis müssen unter Umständen sogar auf biometrische Verfahren zurückgreifen, um die Identität der Prüflinge zu kontrollieren.

Bei elektronisch eingereichten Hausarbeiten sei das nicht möglich, so Witasp. Hier erfolge die Identifizierung allein anhand der E-Mail-Adresse.

„Aber die Identifizierung ist eigentlich egal. Wenn die Studenten zu Hause arbeiten, bleibt Ihnen als Dozent sowieso nur die Hoffnung, dass sie sich an die Regeln halten.“


Von Jonas Rehnberg

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